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14.01.2013

“Das Risiko ist kalkulierbar“ – Über Hoffnungen und Chancen im rumänischen Bio-Markt

Bio-Pioniere sammeln bereits wertvolle Erfahrungen, doch weitere Investoren werden dringend benötigt

von Susanne Salzgeber

“Das Risiko ist kalkulierbar“ – Über Hoffnungen und Chancen im rumänischen Bio-Markt Fotos: Sonnentor

Rumäniens Böden bieten ideale Voraussetzungen für den Ökolandbau, doch die nötigen Strukturen für eine verlässliche, langfristige Entwicklung für Bio müssen erst noch geschaffen werden. Doch es gibt bereits heute Beispiele, die Hoffnung machen.   

Über ein Land in Europa: Mehr als ein Drittel der fast 20 Millionen Einwohner lebt an oder unterhalb der Armutsgrenze. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt mit knapp 2.593 Milliarden Euro (2011 Eurostat) beträgt das 20-fache des BIPs von Rumänien. Im Zuge der Wirtschaftskrise stieg die Arbeitslosigkeit, und die Rumänen mussten Lohn- und Rentenkürzungen sowie eine Erhöhung der Mehrwertsteuer hinnehmen. Umso erstaunlicher, dass Sonnentor hier mit seinen Bio-Produkten seit 2006 einen stabil wachsenden Markt von 8 bis 12 Prozent pro Jahr vorfindet.

Fruchtbar: Das Land

Das österreichische Bio-Pionier-Unternehmen hat Rumänien nicht nur als Absatzmarkt entdeckt – das kam erst später –, sondern esinvestierte in ein bio-dynamisches Anbauprojekt in Siebenbürgen. Bereits seit 2004, also noch 3 Jahre vor dem EU-Beitritt Rumäniens, arbeitet Sonnentor mit dem ersten Demeter zertifizierten rumänischen Partner zusammen, der auf mehr als 100 Hektar u.a. Ringelblumen, Sanddorn und Duftrosen für die Sonnentor-Tees anbaut. „Ja, das ist eine Erfolgsgeschichte, die wirklich funktioniert“, bestätigt auch Stefan Simon, Naturland Fachberater, der im Jahr 2007 seine Diplomarbeit über den ökologischen Landbau in Rumänien schrieb. „Rumänien hat hervorragende geografische Voraussetzungen für den Öko-Landbau. Die naturreinen Landschaften der Karpaten und der Bukowina bieten ideale Bedingungen für die Produktion von Bio-Honig und Kräutern aus Wildsammlung. In den fruchtbaren Ebenen mit Schwarzerde-Böden südlich der Karpaten gedeihen Weizen, Dinkel, Mais und Soja.“

Sonnentor
Arbeiten seit über 9 Jahren erfolgreich zusammen: Johannes Wenny (Einkaufsleiter von Sonnentor), Csaba Szakacs (Demeter zertifizierter Anbau-Partner von Sonnentor in Rumänien) und Ewald Redl (Geschäftsführer von Sonnentor)

Unklar: Die Strukturen

Trotzdem schätzt Stefan Simon die gegenwärtige Situation verhalten optimistisch ein. Die nötigen Strukturen für eine verlässliche, langfristige Entwicklung des ökologischen Landbaus sind seiner Meinung nach noch nicht geschaffen. Es fehle an modernem Gerät, an Wissen und an fachlicher Ausbildung bei den Bauern. Die Eigentumsverhältnisse seien zum Teil noch ungeklärt, Vetternwirtschaft und Korruption bestimmten die Verteilung der EU-Fördergelder, die bei den kleinen Bauern nie ankämen. „Man muss sich damit auseinandersetzen, dass Rumänien durch Jahrzehnte andauernde staatlich oktroyierte Misswirtschaft geprägt wurde“, gibt Stefan Simon zu bedenken. Außerdem machten die unverständlichen Förderstrategien der rumänischen Regierung eine langfristige Planung für Bio-Landwirte unmöglich. Obwohl Rumänien ein landwirtschaftlich geprägtes Land ist, weist es einen Importüberschuss von Lebensmitteln auf. Das liegt zum einen an der niedrigen Produktivität sowie den fehlenden bzw. schlechten Lager- und Verarbeitungsmöglichkeiten für die Rohstoffe. Dadurch verdirbt ein Teil der Ernte bevor er überhaupt exportiert oder weiterverarbeitet werden kann. Andererseits fehlt es an zertifizierten Betrieben, die Bio-Rohstoffe an Ort und Stelle veredeln. Viele einheimische Unternehmen erfüllten die von der EU verordneten Hygienestandards nicht und mussten schließen.

Die Bio-Kontrollstellen in Rumänien arbeiten zuverlässig, versichert Ewald Redl, Geschäftsführer von Sonnentor. „Mit Korruptionsangeboten wurden wir noch nie konfrontiert. Weniger stabil zeigt sich der Arbeitskräftemarkt. Es fehlen zur Einholung der Ernte oft die Arbeitskräfte, weil die Rumänen zur gleichen Zeit in Italien oder Spanien als Erntehelfer arbeiten.“ Hier würde es sich auszahlen, Verlässlichkeit aufzubauen, die über Vertrauen und faire Löhne zu realisieren sei. Beachten sollte man als Unternehmen das landesübliche Zahlungsziel von 120 Tagen, die zumeist voll ausgeschöpft würden. „Unproblematisch“, meint Ewald Redl,„das Risiko ist kalkulierbar und gehört als solches zu einem ganz normalen Risikomanagement eines Unternehmens.“ Fördergelder hat Sonnentor wegen des zu großen administrativen Aufwands für sein Rumänien-Investment nicht beantragt, sondern alles aus eigener Tasche finanziert.

Auf der BioFach 2013 präsentiert sich Sonnentor neben seinem eigenen Stand auch auf dem Länderstand Rumänien mit einem eigens hierfür entwickelten Tee, dessen Zutaten zu 100 % aus Rumänien stammen.

Angelockt: Zweifelhafte Investoren

Bislang sind knapp 83.000 Hektar als zertifizierte landwirtschaftliche Fläche ausgewiesen (2011 Eurostat). Das rumänische Landwirtschaftsministerium (MADR) spricht von über 250.000 Hektar und einem Bio-Anteil an der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche von 2,25 %. Welche statistische Zahl auch stimmen mag, sicher ist, dass das Land in Süd-Ost-Europa über eine der größten landwirtschaftlichen Nutzflächen Europas verfügt. Bemerkt haben das auch schon andere. Die Gentechnik-Unternehmen Monsanto, Pioneer und Syngenta dürfen seit 2009 auf 3.000 Hektar die Bt-Maissorte MON 810 zur Verfütterung anbauen und weitere Versuche mit transgenen Maissorten durchführen.

Gesucht:Landwirtschaft mit Zukunft

Die rumänische Bevölkerung braucht keinen Genmais, an dessen Gewinnen sie nicht beteiligt ist. Rumänien braucht zukunftsträchtige, umweltfreundliche Investitionen. Rumänien braucht faire Investoren, die eine Wertschöpfung vor Ort planen. Gewinne, die auch den Menschen in Rumänien Wohlstand und Lebensqualität bringen. Rumänien braucht die Bio-Branche.

Konkrete Informationen und Kontaktadressen zu aktuellen Aktivitäten im ökologischen Landbau in Rumänien sowie zum rumänischen Biomarkt erhalten Sie im Länderbericht Rumänien 2012 von EkoConnect – Internationales Zentrum für Ökologischen Landbau Mittel- und Osteuropas e.V.

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